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am 23. Oktober

Bürokratie und Hürden

Franz Kaiser - Bürokratie und andere Hürden machen unsere Arbeit nicht gerade einfach

Ich bin nun schon mehr als 36 Jahre im Schuldienst. Wenn ich diese Zeit Revue passieren lasse, muss ich feststellen, dass die Bürokratie im Bereich der Schule massiv zugenommen hat. Ausuferende Bürokratie ist ein Umstand, der uns Lehrerinnen und Lehrern die Freude an unserem schönen Beruf wirklich verleiden kann. 

Kein pädagogischer Schritt, der nicht protokolliert, dokumentiert und evaluiert werden müsste. Immer mehr Zeit ist für das Ausfüllen von Anträgen, Listen und Organisatorischem notwendig. Ob Zeckenschutzimpfung, Bildungstests, SQA oder kürzlich wurden die Schulen mit dem Ausfüllen von
Listen zur Erfüllung der Datenschutzgrundverordnung gequält. Noch Vieles mehr
ließe sich aufzählen. Der Verwaltungs- und Dokumentationsaufwand ist enorm.
Manchmal frage ich mich: Wer wird das alles lesen? Die Zeit für die eigentliche
Arbeit der Pädagogin bzw. des Pädagogen – wie Wissen und soziale Verantwortung
zu vermitteln - wird dadurch immer knapper. In Studien, die subjektive
Belastungsfaktoren von Lehrerinnen und Lehrern erfragen, wird die „Belastung
durch Verwaltungstätigkeit“ häufig an zweiter Stelle nach zu großen Klassen
genannt. Bürokratie hemmt unsere pädagogische Tätigkeit. Dabei liegt in der
Zuwendung zu den Schülerinnen und Schülern eine wichtige Aufgabe. Bildungsstudien,
Forschungsergebnisse der Gehirnforschung sowie die Psychologie zeigen immer
wieder auf: Ein wesentlicher Schlüssel liegt in der Beziehung Lehrerin/ Lehrer
zu Schülerin/ Schüler. Die persönliche Zuwendung von Mensch zu Mensch ist eine
heilende, emotionale Kraft. In der Schule ist es nicht anders als in der
Medizin. Eine Klasse, die erlebt, dass sich die Lehrerin bzw. der Lehrer in
Gesprächen um ihre Probleme kümmert, lernt einfach besser, weil Vertrauen
vorhanden ist. 

„Schulprobleme von Kindern sind oft Lebensprobleme“ – diesen Satz von Hartmut von Hentig kann ich nur unterstreichen. Wenn dafür keine Zeit bleibt, weil die bürokratische Tretmühle des Schulalltags alle unsere Kräfte bindet, geht ein wichtiges pädagogisches Instrument verloren: die vertrauensvolle Zuwendung zu unseren Schülerinnen und Schülern. Es wird also Zeit, dass unsere Schule tatsächlich entbürokratisiert wird, damit wir uns – unserem Beruf entsprechend – wieder auf unsere Kernaufgaben konzentrieren können.  

In diesem Zusammenhang möchte ich ein weiteres Thema ansprechen, mit dem Kolleginnen und Kollegen in letzter Zeit immer öfter konfrontiert sind. Postings in sozialen Medien machen auch vor der Schule nicht halt. So hat zum Beispiel ein Vater eine Religionslehrerin auf Facebook auf das Wüsteste beschimpft, weil sie in der 2. Klasse Volksschule die Wahrheit über das Christkind erzählt hat. Ein Kind hat sie gefragt, ob es stimmt, dass eigentlich die Geschenke unter dem Christbaum von den Eltern und nicht vom Christkind kommen. Es gibt noch andere Beispiele, in denen manche Eltern ihre Macht mit Drohungen und durch Postings demonstrieren. Lehrerinnen und Lehrer werden dadurch stark verunsichert und unter Druck gesetzt. Das geht sogar so weit, dass mit dem Anwalt gedroht wird, wenn z.B. dem Kind in der 4. Klasse Volksschule nicht die AHS-Reife zugestanden wird.

Ich plädiere hier an die Fürsorgepflicht des Dienstgebers, Kolleginnen und Kollegen in solchen Fällen nicht alleine zu lassen und die notwendige Rechtshilfe sicherzustellen. 

Es kann nicht sein, dass sich Lehrerinnen und Lehrer, die nach den gesetzlichen Bestimmungen handeln – würden sie es nicht tun, müssten sie sogar mit dienstrechtlichen Konsequenzen rechnen – einen privaten Rechtschutz in Anspruch nehmen müssen, wenn sie durch Aktionen mancher Eltern unter Druck gesetzt oder in sozialen Medien diffamiert werden. Die betroffenen Kolleginnen und Kollegen lässt der Dienstgebe im Regen stehen. Auch Versicherungen verweigern sich, da es für sie als eine Angelegenheit des Dienstgebers gesehen wird. Wir, die Gewerkschaft und Personalvertretung müssen hier dringend handeln und entsprechende gesetzliche Maßnahmen fordern, damit in solchen Fällen der Dienstgeber seiner Fürsorgepflicht nachkommt und rasch und unbürokratisch geholfen werden kann. Es wäre auch ein deutlicher Ausdruck der Wertschätzung unserer Arbeit und unseres Engagements.

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